Das Programm zur
Stärkung der Eigenverantwortung
Die
Ernst-Wiechert-Hauptschule in Espelkamp ist mit klaren Regeln für die
Jugendlichen und Elternarbeit erfolgreich.
„Jeder
Schüler hat das Recht, ungestört zu lernen. Jeder Lehrer hat das Recht,
ungestört zu unterrichten. Jeder muss stets die Rechte des anderen beachten.“
Das ist das Grundgesetz der Ernst-Wiechert-Hauptschule, auf das sich Lehrer,
Schüler, Schulsozialarbeiter und die Eltern Anfang 2007 geeinigt haben, indem
ein „Trainingsraum“ eingerichtet wurde. In dem Raum werden Schüler aus allen
Klassen zusammengefasst, die im Unterricht stören und sich nicht an die
geltenden Regeln halten. Das Programm funktioniert so ähnlich wie beim
Fußballspielen: Für alle Schüler gelten verbindliche Spielregeln. Eine davon
lautet, dass sie sich melden und nicht einfach dazwischenrufen, wenn sie etwas
zu sagen haben. „Ich höre zu, wenn ein Mitschüler spricht, und lasse ihn ausreden“,
lautet eine weitere. 13 dieser Spielregeln gibt es. Hält sich ein Schüler nicht
an die Regeln, zeigt ihm der Lehrer zunächst die „gelbe Karte“. Der Schüler
wird dann gefragt, ob er sich an die Regeln halten will oder ob er den
Unterricht verlassen und in den Trainingsraum gehen möchte.
In
der Praxis sieht das so aus: Sebastian* redet laut im Unterricht, obwohl alle
konzentriert arbeiten wollen. Seine Lehrerin Frau S. stellt ihn vor die
Entscheidung sich an die Regeln zu halten oder in den Trainingsraum zu gehen.
Nach der zweiten Störung bekommt Sebastian einen Laufzettel und muss dann zum
Trainingsraum gehen. Hier reflektiert Sebastian* im Gespräch mit dem anwesenden
Trainingsraumlehrer sein Verhalten, sucht nach Lösungen und ändert nach
Möglichkeit sein Verhalten. „Wie hast du den Unterricht gestört?“ – „Ich habe
reingerufen.“ „Wie heißt die Spielregel?“ – „Ich melde mich und warte bis ich
dran komme.“ „Welche Folgen hat dein Verhalten für Lehrer, Mitschüler und für
dich selbst?“ – Etwa zehn Minuten dauert das Gespräch, an deren Ende sich der
Schüler vertraglich verpflichtet den Unterricht zukünftig nicht mehr zu stören.
Im
Trainingsraum sollen die Schüler über ihr Fehlverhalten nachdenken und anhand
eines Fragebogens ihr Verhalten reflektieren, mit dem Ziel zukünftig
eigenverantwortlich und verantwortungsbewusst am Unterricht teilzunehmen. „Der
Schüler soll sich nicht nur aufgrund von Druck leise verhalten, sondern aus
seiner eigenen Entscheidung. Es ist nicht Ziel, die Störer zu bestrafen - sie
sollen etwas dazulernen", erklärt Schulsozialarbeiter Ingo Prein der mit
zwei Stunden pro Woche im Trainingsraum eingeteilt ist und die Methode vor zwei
Jahren an der Ernst-Wiechert-Hauptschule eingeführt hat. Insgesamt gibt es aus
dem Kollegium acht Lehrerinnen und Lehrer die mit der Trainingsraummethode
vertraut sind und in diesem als Trainingsraumlehrer eingesetzt sind.
„Der
Trainingsraum soll helfen, Unterrichtsstörungen zu vermeiden, wertvolle
Unterrichtszeit zu erhalten, lernbereite Schüler zu schützen und ihnen
entspannten und ungestörten Unterricht zu garantieren. Gleichzeitig wird
versucht, häufig störenden Schülern Hilfe anzubieten, indem ihnen notwendige
Schlüsselqualifikationen zur Verbesserung ihres Sozialverhaltens vermittelt
werden: Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit,
Respekt vor den Rechten anderer“, ergänzt Schulleiterin Anne Siek.
„Einige
Schüler waren schon mehr als einmal im Trainingsraum und einige waren sogar
schon viermal, was bedeutet, dass sie am nächsten Tag zu einem
Beratungsgespräch in Begleitung der Eltern zu erscheinen haben. Dieses konsequent
durchgezogene pädagogische Konzept funktioniert und verhindert Störungen und
Unruhe während des Unterrichts und trägt dazu bei, dass die Stimmung im Haus und
in den Klassen so gut ist“, sagt der stellvertretende Schulleiter Hendrik
Grunwaldt.
*Name geändert